Wenn Autos nach den Prinzipien eines Krankenhauses gebaut würden

ein humoristischer Blick auf Krankenhausorganisation

von Jörg Gottschalk

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Fun germ © Julien Trumeur

Wie sähe wohl eine Automobilproduktion aus, wenn sie nach den “Produktionsmethoden” eines Krankenhauses organisiert würde? Ein kleine humoristische Vorausschau…

Keine Fließbänder mehr

Seitdem Autos mit den Methoden eines Krankenhauses hergestellt werden, gibt es im Werk keine Fließbänder mehr. Sie haben sich als wenig effektiv und effizient herausgestellt. Es gibt jetzt (wieder) Einzel- und Gruppenarbeitsplätze. Hier werden jeweils festgelegte Arbeitsschritte durchlaufen. Allerdings hängt die Geschwindigkeit und die Qualität der jeweiligen Schritte davon ab, wie viele Mitarbeiter morgens zur Arbeit erscheinen. Und welche Qualifikation und Erfahrung diese mitbringen. Die Teams dokumentieren sehr genau ihre Leistungen, damit das jeweils nächste Team auf dem aktuellen Zustand aufbauen kann. Derzeit arbeitet man mit Hochdruck an der Qualität und Vollständigkeit der Dokumentation. Zu diesem Zweck wurde die Werkssprache auf English umgestellt, denn die unterschiedlichen Herkunftssprachen der Mitarbeiter haben in den letzten Monaten verstärkt zu Problemen in der Produktion geführt.

Jeder Mitarbeiter soll innerhalb von zwei Jahren das europäische Sprachlevel B1 English erreichen. Bis dahin werden zusätzliche und mehrsprachige Übersetzer eingestellt. Auch arbeitet man an der Standardisierung der Dokumentation. Bis dahin wird jedes Team zu einer 30-minütigen Übergabe unter Anwesenheit mehrsprachiger Übersetzer verpflichtet: jeweils am Anfang und am Ende einer Schicht.

Soweit Arbeiten bei der Übergabe nicht erledigt sind, übernehmen die nachfolgenden Teams diese Aufgabe, soweit es ihre Besetzung und Qualifikation erlauben.

Flexibles Produktionssystem

Mehrmals am Tag kommt es vor, dass die Schicht- und Produktionsleiter Änderungen an der Konstruktion vornehmen. Die Teams sind heute schon jederzeit in der Lage, sämtliche Sonderwünsche und Änderungen im Produktionsprozess zu berücksichtigen und auszuführen. Damit nimmt die Variantenvielfalt der produzierten Autos erfreulicherweise erheblich zu. Der Kunde ist daran gewöhnt, das zu nehmen, was er bekommt. Er liebt diese Form der Überraschung und die persönliche Einzigartigkeit seines Autos. Das individuelle und personalisierte Auto wird zum Markenzeichen der Hersteller.

Anfangs kann es etwas ungewohnt sein, doch der Kunde lernt schnell: wo ist der Blinkerhebel, wo die Schaltung, wo das Radio, wo der Lichtschalter, wie sind Gas-, Brems- und Kupplungshebel angeordnet?

Weil es in der Produktion keine Leistungsbeschreibungen oder Arbeitsrichtlinien mehr gibt bzw. sie nicht eingehalten werden müssen, ist jeder Montagemitarbeiter heute dazu fähig, es so zu machen, wie er denkt, dass es richtig ist. So kann er sein jahrelang erworbenes Wissen und seine Erfahrung maximal einsetzen.

Die heute produzierten Autos verhalten sich extrem robust gegen unterschiedliche Herstellungsvarianten. Schrauben können in Zukunft sowohl rechtsherum wie linksherum festgedreht werden. Armaturenbretter können rechts wie links eingebaut werden. Es soll sogar  vorgekommen sein, dass ein Motor in den Kofferraum gebaut wurde und das Auto trotzdem funktioniert hat. Allerdings müssen die Autohersteller und ihre Kunden deswegen einige Abstriche beim Design akzeptieren. Hier wird jedoch bereits fieberhaft nach weiteren Konstruktionsverbesserungen gesucht, damit die gewünschte Herstellungsflexibilität langfristig die Designqualität nicht negativ beeinflusst.

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© julien tromeur / Fotalia.de

Übrigens: Seit dem Vollzug des Brexit werden verstärkt englische Leasingkräfte eingeflogen und im Produktionsprozess eingesetzt. In England wird bekanntlich links gefahren, was die Produktionspraxis auch in deutschen Automobilwerken verändert hat. Armaturenbretter finden sich tatsächlich immer öfter rechts. Weil diese Leasingpraxis immer öfter vorkommen wird, überlegt die Bundesregierung nun, den Rechts- und Linksverkehr in Deutschland zuzulassen und hat zu diesem Zweck die Entwicklung eines umfassenden Steuerungs- und Managementsystems für den Straßenverkehr ausgeschrieben. Es soll eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte der nächsten Legislaturperiode werden. Auch wird in einem zehnjährigen Übergangszeitraum die Polizei auf den Straßen deutlich verstärkt.

Flexible und zentrale Lagerverwaltung

Die neue Art der Produktion lässt nicht zu und es ist auch nicht mehr nötig, den Produktionsprozess exakt vorauszuplanen. Welches Material und Werkzeug was wann und von wem an welchem Arbeitsplatz benötigt wird und welche Arbeitsschritte in welcher Reihenfolge zu erledigen sind, bleibt den Mitarbeitern überlassen. Deshalb werden das Material und die Werkzeuge wieder zentral gelagert oder an den Stellen, wo es am wahrscheinlichsten benötigt wird. Um die Lager- und Transportkosten zu senken, werden die Werke jetzt nur noch einmal wöchentlich beliefert.

Die Mitarbeiter verfügen heute schon über die Erfahrung, mit dem Material auszukommen, das sie vorfinden. Sie wissen, wo sie etwas finden können und welche Arbeitsschritte sie für wichtig erachten. Lediglich neue Mitarbeiter haben in den ersten Wochen ein Problem, weil sie über diese Erfahrung noch nicht verfügen. Sie gewöhnen sich jedoch innerhalb weniger Wochen an diese Organisation. Die damit einhergehende Selbständigkeit und Flexibilität motiviert sie enorm dazu, stetig persönliche Höchstleistungen zu erbringen. Dafür bleiben sie auch gerne einmal länger.

Mitarbeiter werden nicht mehr strukturiert eingewiesen, denn das würde sie in ihrem persönlichen Freiheitsraum unnötig begrenzen und ihre Motivation zerstören. Sie sollen maximale Flexibilität lernen. Außerdem wüsste niemand, wie eine derartige Einweisung aussehen könnte.

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Kreativ © alphaspirit / fotalia.com

Für den Kunden hat diese Art der Produktion einen positiven Effekt: die Lieferzeiten sind in den vergangenen Jahren um 200 Prozent von durchschnittlich 2 auf 6 Monate angestiegen, weshalb er jetzt etwas mehr Zeit hat, auf sein neues Auto zu sparen. Diese Zeit benötigen viele Kunden, da auch die Verkaufspreise sich um 30 Prozent erhöht haben.

Personalisierte Fahrzeuge

Der Kunde kann sich immer sicherer werden, dass sein Auto tatsächlich fahren wird. Er wird überraschend schnell lernfähig und freut sich förmlich auf sein neues Fahrzeug. Denn er erhält ein sehr individuelles Produkt. Erst bei der Auslieferung erlebt der Kunde, wie sein personalisiertes Fahrzeug tatsächlich aussieht und wie es zu bedienen ist. Kaum ein Fahrzeug gleicht heute noch dem anderen.

Allerdings ist nicht mehr genau vorauszusehen, ob das Fahrzeug 100.000 oder 300.000 Kilometer ohne gravierende Reparaturen überstehen wird. Das muss den glücklichen Eigentümer auch nicht bekümmern, denn der Herstellerservice hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Die Anzahl der Reparaturwerkstätten wurde um 350 Prozent erhöht. Die Reparaturkosten übernimmt bis zu einer Laufleistung von 280.000 Kilometer ein eigens dafür eingerichteter Autoreparaturstrukturfond, den die Bundesregierung aufgelegt hat. In diesen Fond zahlen alle Führerscheinbesitzer und Hersteller ein. Nur Politiker, Beamte und Bayern sind von dieser Regelung ausgenommen. Für sie wird derzeit nach tragfähigen Alternativen gesucht. Es wird darüber nachgedacht, für sie nur noch den Besitz von japanischen Autos zuzulassen.

Berlin, 15.10.2018

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Jörg Gottschalk

 

 

 

 

 

 

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